NRW beschleunigt Genehmigungsverfahren für Seilbahnen

NRW versinkt immer weiter in ein Verkehrskollaps. Das ist nichts neues und wir müssen handeln, damit wir in der Zukunft auch Umweltschonender von A nach B kommen können. Das hat wohl nun auch das Verkehrsministerium NRW unter Hendrik Wüst (CDU) eingesehen, und gibt dem Verkehrsmittel „Seilbahn“ so einen neuen Stellenwert.

Viele Städte in NRW planen derzeit, die Mobilität ihrer Bürger*innen zu verbessern. Dabei spielen auch Seilbahnen eine Rolle. Doch dabei geht es nicht um Freizeit-Seilbahnen wie zum Beispiel die im Dortmunder Westfalenpark oder die zur Internationalen Gartenausstellung 2017 errichtete Seilbahn in Berlin, die seitdem nicht im Verkehrskonzept der Stadt Berlin integriert wurde. Das Verkehrsministerium des Landes stellte am Freitag vereinfachte und schnellere Genehmigungsverfahren für den Bau von Seilbahnen in Aussicht. Dafür soll das Seilbahngesetz erneuert werden.

Seilbahnen die bereits im Verkehrskonzept eingebunden sind, inspirieren schon lange weltweit die Planer. Unter anderem in La Paz, New York, Mexiko-Stadt und Lissabon, die nach Wegen aus dem Stau und Verkehrslärm suchten, sind da schon nennenswerte Beispiele. Längst blühen Seilbahnpläne im gesamten Bundesgebiet und erfreuen sich auch in NRW mehr und mehr an Beliebtheit.


Seilbahn in NewYork – © newyorkcity.de

Im Ruhrgebiet, unter anderem in Mülheim, Essen, Oberhausen, Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund und Duisburg wird über Seilbahnen diskutiert. Auch in den Nachbarstädten und außerhalb des Ruhrgebiets, z.B. in Köln, Düsseldorf oder Bonn denken ebenfalls nach, eine Seilbahn in das Verkehrskonzept einzubinden.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist offenbar hoch, wie 2019 aus der Umfrage eines Beratungsunternehmens im Raum Stuttgart hervorging. Vier von fünf Bürgern finden Seilbahnen demnach grundsätzlich gut. Diese Begeisterung dürfte aber spätestens dann schwinden, wenn die Gondeln über dem eigenen Grundstück schweben oder in der Nachbarschaft große Masten errichtet werden sollen.

Seilbahnen sind ein Verkehrsmittel der Zukunft und können ein wichtiger Baustein einer besseren, sicheren und sauberen Mobilität in Nordrhein-Westfalen sein. Deshalb geben wir jetzt dem Seilbahngesetz ein Update, um Planungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen.
Hendrik Wüst (CDU), Verkehrsminister NRW

Welches Potenzial Seilbahnen für die Mobilität in Nordrhein-Westfalen haben, zeigt die Forschung am „upBus“ der RWTH Aachen für einen transmodularen Nahverkehr. Der „upBus“ ist ein hybrides Mobilitätskonzept, bei dem ein Fahrzeug zwischen einer Luftseilbahn und einem autonomen Busbetrieb wechselt. Das ganze Fahrerlos. Im Unterschied zu einer herkömmlichen Verbindung zwischen einem Seilbahnsystem und einem klassischem Bus, bei denen Fahrgäste aussteigen müssen, können Passagiere im „upBus“  in der Kabine bleiben und weiter fahren. 

Zahlreiche Städte und Metropolregionen auf dem Globus stehen durch die Nutzung von Pkw verkehrs- und umwelttechnisch vor dem Kollaps. Heutzutage leben schon 54 % der Weltbevölkerung in Städten. Nach Prognosen der Vereinten Nationen wird sich der Anteil 2050 bereits auf 66 % erhöhen. Mit steigender Einwohnerzahl wird die ohnehin schon lange Zeit im Stau sich noch weiter erhöhen. Die volkswirtschaftlichen Verluste belaufen sich dadurch alleine in Deutschland auf 9 Milliarden Euro jährlich.
Tobias Meinert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Institut für Strukturmechanik und Leichtbau der RWTH Aachen
Die nötigen Veränderungen im Mobilitätssektor sind immens und können nicht allein mit Lösungsansätzen im Individualverkehr bewältigt werden. Gleichzeitig legen junge Menschen der westlichen Welt immer mehr Wert auf eine flexible und kostengünstige Mobilität als auf den Besitz eines Privatautos. Eine zentrale Herausforderung stellt daher die zukünftige Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs dar. Neue und auf den Einzelfall angepasste Konzepte für Großstädte wie upBUS, müssen entwickelt und etabliert werden.
Eduard Heidebrecht, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, HFE, RWTH Aachen
Der NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) schwärmt vom ‟upBus”: „Der upBus der RWTH Aachen ist ein Beispiel dafür, dass viele Innovationen für neue Mobilität in Nordrhein-Westfalen erforscht und entwickelt werden. Und sie sollen auch hier produziert werden, damit wir auch in Zukunft anspruchsvolle Arbeitsplätze anbieten und hochqualifizierte Arbeitskräfte in der Region halten und neu hinzugewinnen.“
Das Gesetz über die Seilbahnen in Nordrhein-Westfalen regelt die Planung, den Bau und Betrieb von Seilbahnen. Darunter fallen landesweit auch das Planfeststellungs- und Genehmigungsverfahren sowie die Aufsicht von Seilbahnen. Mit der jetzt in die Wege geleiteten Novellierung wird das Seilbahn-Gesetz an geltendes EU-Recht angepasst. Die Durchführung des Plangenehmigungsverfahrens wird jetzt als vereinfachtes Verfahren in das neue Gesetz als Regelfall aufgenommen. Zudem wird die Ausweitung des Anwendungsbereichs des Plangenehmigungsverfahrens auf Vorhaben mit Pflicht zur Umweltverträglichkeitsprüfung durch spezielle Regelungen zur Öffentlichkeitsbeteiligung ermöglicht. Das dient dem Ziel der Entbürokratisierung und der vereinfachten Durchführung von Vorhaben. So können neue Lösungen für den ÖPNV schneller als bislang umgesetzt werden.
Der Münchener SPD-Bürgermeister Dieter Reiter will Verkehrsgeschichte schreiben: 2023 soll in München die erste urbane Seilbahn Deutschlands fahren. Für die Münchener ist der dortige „Frankfurter Ring“, die staugeplagte Hauptverkehrsachse im Münchner Norden, der ideale Ort, um so etwas auszuprobieren. Denn wenn unten nichts mehr geht, könnte doch zumindest oben in 50 oder 60 Meter Höhe der Verkehr fließen, und zwar leise und abgasfrei. Eine Seilbahn könnte sehr viele Menschen von A nach B bringen, was wiederum, wenn es denn gut läuft, den Verkehr auch unten auf der Straße wieder in Bewegung bringen könnte.
Die geplante Seilbahn soll dann auf einer Länge von 4,5 Kilometern die U-Bahn-Stationen Oberwiesenfeld, Frankfurter Ring und Studentenstadt miteinander verbinden und damit eine bisher fehlende Verbindung herstellen. Ein weiterer möglicher Zwischenhalt wäre die Tram-Station Schwabing Nord. 4.000 Menschen könnten so pro Stunde und Richtung befördert werden, in Gondeln, in die jeweils 32 Menschen passen. Betreiber der Seilbahn soll dann die städtische Münchner Verkehrsgesellschaft werden. Der im Ruhrstand befindliche Heiner Monheim, ehemaliger Professor für Raumplanung in Trier und bundesweit führender Experte für Seilbahnen in der Stadt findet die Idee gut. „Das ist neu und hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Es wäre an der Zeit für die erste urbane Seilbahn Deutschlands.“ Er räumt dem Münchner Projekt gute Erfolgschancen ein. Weil die Trasse vergleichsweise einfach zu realisieren wäre. Und weil die Gondeln nicht über Wohnhäusern schweben würden. „Das ist ein ganz entscheidender Vorteil“, sagt Monheim. Denn in „der Schwebebahnstadt“ Wuppertal, standen die Zeichen für eine Seilbahn auch bereits auf Grün. Doch seit feststand, dass die Trasse über ein Wohngebiet führt, hat sich die Stimmung an der Wupper gedreht. Die Bürgerinitiative „Seilbahnfreies Wuppertal“ will den Bau verhindern.

So könnte die Seilbahn auf dem Frankfurter Ring in München aussehen.
© Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr


So könnte eine Haltestelle für eine Seilbahn aussehen. Visualisierung für ein Seilbahnprojekt in Toulouse. © Groupement Poma / Séquences / Les Yeux Carrés – Tisséo Ingenierie

Foto: Hans-Rudolf Schulz (Fotomontage)