Corona: Höhere Gefahr für Einkommensschwache im Nahverkehr

Der Mobilitätsreport von infas (Institut für angewandte Sozialwissenschaft) zeigt: Menschen mit niedrigem Einkommen nutzen den Nahverkehr noch stärker als im Frühjahr – weil es ihr Job erfordert.

Dass Menschen mit geringem Einkommen einem erhöhten Risiko unterliegen, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, hatten Experten schon sehr schnell vermutet. Ein 🔗 repräsentativer Mobilitätsreport für Deutschland bestätigt die Vermutung der Experten.

Das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) hat in Kooperation mit dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) bis Ende Oktober 2020 zum zweiten Mal seit Mai mehr als 1000 Menschen zu ihrer Mobilität befragt. Der Report trägt den vielsagenden Untertitel „Gedämpfte Hoffnung auf die Verkehrswende“.

Die Studie zeigt: In fast allen Einkommensschichten ist die tägliche Nutzung von Bus, Bahn und Stadtbahn im Herbst im Vergleich zum Frühjahr zurückgegangen – ausgenommen in der untersten. Menschen mit niedrigem Einkommen nutzen den ÖPNV sogar doppelt so stark wie während der ersten Pandemie-Welle: im Frühjahr war es noch jeder Zehnte aus dieser Gruppe, im Herbst dann jeder Fünfte.

Da sich jeder vierte Geringverdienende sorgt, durch das Coronavirus gesundheitlich eingeschränkt zu werden, legt der Mobilitätsreport den Schluss nahe: Menschen mit niedrigem Einkommen sind aufgrund mangelnder Alternativen auf den Nahverkehr angewiesen – wo sie im Kontakt mit anderen Fahrgästen einer höheren Infektionsgefahr ausgesetzt sind.

Menschen mit mittlerem Einkommen sind da pessimistischer. Ihre Erwartung gesundheitlicher Einschränkungen stieg deutlich auf 31%. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den 23% von Menschen mit hohem Einkommen. „Eine höhere Anfälligkeit könnte mit der ungleichen Verteilung von relevanten Vorerkrankungen, wie etwa Bluthochdruck oder Übergewicht, zusammenhängen“ sagt Nico Dragano von der Uniklinik Düsseldorf.

Darauf, dass Menschen mit geringem Einkommen dem Risiko weniger aus dem Weg gehen können, hatte der Professor für Medizinische Soziologie 🔗 im Interview mit dem Tagesspiegel hingewiesen

Dafür spricht, dass drei Viertel der Wege im Öffentlichen Nahverkehr Arbeitswege sind oder zumindest solche zu dienstlichen Zwecken – auch dort hat das Verkehrsaufkommen im Herbst im Vergleich zum Frühjahr zugenommen.

In Berufen, in denen die Arbeitnehmer üblicherweise weniger verdienen, arbeitet nur rund jeder Zehnte im Homeoffice. Solche Berufe sind die in Produktion, Wartung und Logistik oder Pflege, Gastronomie und Sicherheit. Vergleichsweise ist bei Berufen in Kommunikation, Forschen und Lehren oder Ein- und Verkauf – die Homeoffice-Quote bei mehr als 25%.

Geringverdiener können seltener öffentliche Verkehrsmittel meiden, seltener im Homeoffice arbeiten. Menschen mit schwachen sozioökonomischen Status haben nicht nur ein höheres Risiko für eine Erkrankung, sondern auch für einen schwereren Krankheitsverlauf.
Nico Dragano,
Professor für Medizinische Soziologie Uniklinik Düsseldorf

Während Menschen mit geringem Einkommen zuletzt also häufiger den Nahverkehr nutzten als beim ersten Lokdown im Frühjahr 2020, ist der Verkehr insgesamt im Vergleich nur unwesentlich gestiegen.
Klar wurde jedoch: die Verkehrswende von motorisierten Fortbewegungsmitteln wie Autos hin zu grüneren Alternativen ist durch die Pandemie leider ausgebremst worden.

Im Öffentlichen Nahverkehr bleiben die Mobilitätszahlen sogar hinter dem Niveau von 2017 zurück – Grund dafür sind zunehmende Nutzung des Homeoffice, weniger Schulbetrieb und der Fakt, dass während der Pandemie viele Menschen nicht nur aufs Auto, sondern auch aufs Fahrrad umgestiegen sind.

Foto: Imago Images (Symbolbild)