Linien-E-Carsharing als Lösung für die ÖPNV-Anbindung auf dem Land

Schon lange beklagen sich Menschen auf dem Land, die gerne mit dem Bus oder der Bahn fahren wollen, dass dies aufgrund des mangelnden Angebots dies nicht möglich ist. So hat nun auch das 9-Euro-Ticket diese Diskussion wieder aufgefrischt. Doch wie kann man kurzfristig, ökologisch und flexibel die Bürger:innen zum ÖPNV bewegen, wenn der nächste Bus zum Bahnhof erst in einer Stunde kommt? Ein Blick in die 9.000 Einwohner-Kreisstadt Borgholzhausen bei Gütersloh zeigt nun ein solches Konzept –  flexibel, ökologisch und günstig: Linien-E-Carsharing.

In der Kleinstadt Borgholzhausen leben die rund 9000 Menschen auf 55 Quadratkilometer Fläche verteilen. Etwa zwei Drittel dieser Bewohner wohnen in kleinen Siedlungen, die teilweise sehr weit vom Stadtkern entfernt liegen. Einkäufe und Erledigungen sind da ohne Auto bisher nicht möglich gewesen. Daher gab es auch in Borgholzhausen schon länger den Wunsch, schwer erreichbare Gegenden an den öffentlichen Nahverkehr anzubinden. Die Idee vom „Linien-E-Carsharing“ wurde nun erfolgreich umgesetzt: Wer am Bahnhof in Borgholzhausen aussteigt, kann seit April das vorhandene Linien-E-Carsharing-Angebot nutzen.

Drei-Säulen-Prinzip soll zum Erfolg verhelfen

Das ergänzende Angebot bietet neben den bestehenden ÖPNV-Fahrplan mehr Möglichkeiten. Das Angebot besteht dabei aus drei Säulen.

  1. Linien-E-Carsharings
    Privatpersonen können direkt am Bahnhof einen Opel Vivaro-e (9-Sitzer) mieten und als „Fahrer:in“ bis zu acht Personen mitnehmen, beispielsweise um gemeinsam zum Arbeitsplatz zu fahren.
  2. Klassisches E-Carsharing
    Das Elektroauto Renault ZOE lässt sich flexibel und unkompliziert über eine Online-Plattform buchen.
  3. Feste Slots für für regionale Unternehmen
    Diese sollen die Möglichkeit bekommen, Stammkund:innen jeden Tag einen festen Slot buchen zu können, damit das Fahrzeug garantiert verfügbar ist.

Durch diese dreifachen Nutzungsmöglichkeit soll die bestmögliche Auslastung und Wirtschaftlichkeit gewährleistet sein.

Ziel: Bessere Anbindung ans Umland

Das Ziel dahinter ist ganz klar: Das „UrbanLand OstWestfalenLippe“ soll besser vernetzt werden. Nicht nur die Attraktivität der öffentlichen Verkehrsmittel wird durch das ergänzende Linien-E-Carsharing-Angebot erhöht, sondern auch Unternehmen in der Region profitieren von flexiblen Mobilitätsangeboten für die Mitarbeiter:innen. 

Für das Projekt arbeitet die Firma „Mer“, die sich auf Ladeinfrastrukturlösungen sowie Lösungen für Dienstwagenflotten spezialisiert hat,  mit verschiedenen Partnern zusammen, darunter die Stadt Borgholzhausen selbst, und der Energiedienstleister Westenergie, einer Tochterfirma des Energieriesen E.ON. Das Vorhaben wurde im Landeswettbewerb „Mobil.NRW – Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum“ ausgewählt und wird von EU-Fördergeldern in Höhe von etwa einer Million Euro unterstützt.

Das Konzept des Linien-E-Carsharing ist bisher einzigartig in Deutschland: Auf definierten Linien werden kleinere Siedlungen der Flächenkommune Borgholzhausen mit Elektro-Fahrzeugen an den vorhandenen ÖPNV angebunden. Man fährt selbst und kann andere mitnehmen – für Besitzerinnen und Besitzer eines Nahverkehrstickets kostenlos. Die Stadt Borgholzhausen ist glücklich, mit diesem Projekt einen besonderen Beitrag zur Erhöhung der Attraktivität von bezahlbarem Wohnraum in ländlichen Strukturen leisten zu können
Dirk Speckmann, Bürgermeister von Borgholzhausen

Borgholzhausen ist in Deutschland die erste Stadt mit diesem Konzept

Borgholzhausen ist für dieses Projekt ideal geeignet, denn die Gemeinde hat mehrere Tausend Arbeitsplätze geschaffen und verzeichnet rund 4000 Ein- und Auspendler:innen. Wer aus Osnabrück oder Bielefeld anreist und aus dem Zug steigt, kann sich mit einem der neuen Linien-E-Carsharing-Fahrzeug flexibel bewegen und die Quartiere leichter erreichen. Der Dienstleister „Mer“ soll künftig dafür sorgen, dass immer ausreichend aufgeladene sowie saubere Fahrzeuge am Bahnhof zur Verfügung stehen. 
Gerade in ländlichen Gegenden, in denen auf einen Haushalt meist mehrere Fahrzeuge kommen, kann das innovative Konzept den Grundstein für eine nachhaltigere Zukunft legen. Wenn das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln und eCarsharing gut ausgebaut ist, könnten viele Haushalte in Zukunft auf ein Zweitauto verzichten. Zudem gibt es neue Möglichkeiten für Personen, die kein eigenes Fahrzeug besitzen.

Langfristiges Ziel: autonome Fahrzeuge

Langfristig wollen die engagierten Bürger:innen in Borgholzhausen aber eine andere Vision verfolgen und mit dem neuen Projekt den Übergang zum autonomen Fahren einleiten. Besonders in Regionen, die nicht eng besiedelt sind, könnte die Anbindung von autonomen Fahrzeugen an die öffentlichen Verkehrsmittel eine sinnvolle Weiterentwicklung sein. 
Das Projekt in Borgholzhausen zeigt, was einzelne Menschen bewegen können, wenn starke Partner mit Eigeninitiative, Motivation und Leidenschaft zusammenarbeiten. Nicht nur die Bürgerschaft, sondern auch die Umwelt profitiert davon, denn die Elektroautos fahren mit 100 % Ökostrom. Es ist nicht verwunderlich, dass die Kleinstadt wegen ihrer nachhaltigen Energieplanung bereits zweimal mit dem European Energy Award (EEA) ausgezeichnet wurde.