Interne VRR-Analyse: 9-Euro-Ticket führte zu Chaos

Das nächste lange Wochenende mit dem 9-Euro-Ticket steht vor der Tür. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr hat bereits nach dem Pfingstwochenende eine kurze Zwischenbilanz gezogen und spricht im internen Schreiben vom „Chaos“. In der eigenen Pressemitteilung findet man da jedoch nichts von.

Alle haben die Bilder aus den Nachrichten gesehen: am Pfingstwochenende waren die Züge in ganz Deutschland voll. Es war gleichzeitig ein „langes Wochenende“ durch einen Feiertag, und eben das erste Wochenende mit dem 9-Euro-Ticket. Auch Kunden aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet haben das günstige „Deutschlandticket“ am ersten Wochenende ausreichend genutzt. 

1 Million verkaufte Tickets im VRR

Bis zur letzten Woche verzeichnete der VRR knapp 1.000.000 (1 Million) verkaufte Tickets im Verkehrsverbund. Im Pressebericht des Verbunds bestätigt man, dass die Vielzahl an Nutzer:innen des Tickets zu Ausfällen und verspätete Züge gesorgt hat. Auch wurden nach eigenen Angaben Fahrgäste am Bahnsteig stehen gelassen, da die Züge zu voll waren. 

Das 9-Euro-Ticket kann man auch im DB Navigator kaufen.
Während an den ersten beiden Gültigkeitstagen des 9-Euro-Tickets noch keine größeren Probleme an den Bahnsteigen oder in den Zügen festzustellten waren, nahmen die Reisendenzahlen am Nachmittags des Pfingstfreitags deutlich zu. Viele tausend Menschen passten nicht mehr in die Züge und mussten auf spätere Zugleistungen ausweichen. Insbesondere am Freitagnachmittag, Samstagvormittag und am späten Samstagnachmittag war die Hauptachse von Köln über Düsseldorf durch das Ruhrgebiet nach Hamm mit den Linien RE1, RE2, RE5, RE6 und RE11 jeweils so überlastet, dass praktisch alle Züge über Stunden immer wieder zahlreiche Fahrgäste zurücklassen mussten. Besonders negativ betroffen war auch der RE16, auf dem am Samstag ohne Ersatz zahlreiche Züge aufgrund von Personalmangel ausfielen oder nicht mit der geplanten Kapazität fahren konnten.
VRR-Pressemeldung, 07. Juni 2022

VRR: 15 von 50 Linien vom Chaos betroffen

Was in der öffentlichen Pressemitteilung verschwiegen wird: es waren offiziell mehr Linien vom „9-Euro-Chaos“ betroffen, als nur die angegebenen fünf Linien. „Auf 15 von 50 SPNV-Linien im VRR waren die Züge dermaßen überfüllt, das relevante Anzahlen von Fahrgästen nicht mehr zusteigen konnten. Dieses Bild zeigte sich insbesondere auf den folgenden Linien; RE1, RE2, RE4, RE5, RE6, RE7, RE11, RE13, RE14, RE16, RE17, RE19, RE42, RB52, RB91. Aber auch auf den anderen SPNV-Linien waren die Züge insgesamt spürbar „voller“ als sonst.“ Im internen Bericht wird auch erwähnt, dass die mangelhafte Kommunikation für die Fahrgäste eine weitere Rolle des Chaos spielte. „In Essen Hbf wurden viele Züge erst angesagt als sie schon wieder abfuhren. Ähnliche Probleme waren auch in Dortmund Hbf feststellbar. Hinzu kam noch der erneute Komplettausfall der S3 (DB Regio) am Sonntag aufgrund von Personalmangel.“ Eine nüchterne Bilanz für das erste Wochenende und eine mögliche Prognose für das bevorstehende lange Wochenende. 

Mangelhafte Kommunikation weiterer Indikator für Chaos

Die mangelhafte Kommunikation spielte auch bei einem Leser unseres Blogs eine große Rolle. In einer E-Mail schrieb uns Gerd aus Duisburg, dass er mehrfach „keine Ansagen“ am Bahnsteig des Duisburger Hbf gehört habe, und dadurch sehr oft den Gleiswechsel oder Verspätung „schlichtweg nicht gehört hat“. Die mangelhaften Durchsagen sind aber keine Ursache des 9-Euro-Tickets: bereits davor ist der Hauptbahnhof in Duisburg für mangelhafte Kommunikation bekannt. So laufen bis heute keine automatischen Durchsagen für die Züge, noch werden andere Informationen über die Lautsprecher bekannt gegeben. Anschlussinformationen oder Gleiswechsel bekommt man dann entweder nur mit, wenn man auf die digitalen Anzeigen achtet oder aber erst bei Einfahrt des Zuges auf einem anderen Gleis zu spät reagieren kann.

Auch außerhalb von NRW waren die Nahverkehrszüge voll (Symbolbild RE 3 in Berlin Hbf nach Strahlsund)

NWL, NVR und VRR wollen mehr Züge einsetzen

Das der VRR jedoch mit den vollen Zügen und Verspätungen am Pfingstwochenende nicht alleine war, konnte man den Medien ausgiebig entnehmen. Im internen Bericht schreibt auch der VRR davon: „Das Lagebild des VRR zum Pfingstwochenende ist nahezu deckungsgleich mit dem Lagebild des gesamthaften nordrhein-westfälischen SPNV und ähnelt in großen Teilen auch der gesamtdeutschen Nachfragesituation im SPNV am zurückliegenden Pfingstwochenende.“ 

Wir haben das Wohl der Fahrgäste im Blick und stellen uns gemeinsam den Herausforderungen beim 9-Euro-Ticket. Obwohl der Bund keine Mittel für zusätzliche Verkehre bereitstellt, setzen die Aufgabenträger alles daran, mehr Kapazitäten zu schaffen. Die Eisenbahnverkehrsunternehmen bringen alle verfügbaren Fahrzeuge auf die Schiene.
Joachim Künzel, Geschäftsführer NWL

Das der VRR jedoch mit den vollen Zügen und Verspätungen am Pfingstwochenende nicht alleine war, konnte man den Medien ausgiebig entnehmen. Im internen Bericht schreibt auch der VRR davon: „Das Lagebild des VRR zum Pfingstwochenende ist nahezu deckungsgleich mit dem Lagebild des gesamthaften nordrhein-westfälischen SPNV und ähnelt in großen Teilen auch der gesamtdeutschen Nachfragesituation im SPNV am zurückliegenden Pfingstwochenende.“ 

Ticket unpassend zur Bauzeit

Trotz intensiver Vorbereitungen ist den Verantwortlichen klar, dass die steigende Nachfrage verbunden mit aktuellen Baustellen im System hier und da zu Verzögerungen führen wird. Dazu sagt Heiko Sedlaczek, Geschäftsführer des NVR: „Die Infrastruktur im Land muss weiter ertüchtigt werden, um langfristig einen leistungsfähigen Schienenverkehr sicherzustellen. Wir tun unser Bestes, um die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten, werden Beeinträchtigungen durch lange geplante Baumaßnahmen im DB-Netz aber nicht gänzlich vermeiden können. Ich empfehle allen Reisenden, sich vor Fahrtantritt in den Online-Fahrplanauskunftssystemen über mögliche Änderungen zu informieren.“